banner.gif
  • Apothekerin Kerstin Thierfelder e.Kfr.
  • Madlower Chaussee 4
  • 03051 Cottbus

Epilepsie: Symptome und Anfallsformen

Ein epileptischer Anfall kann ganz unterschiedliche Symptome verursachen. Nicht immer kommt es dabei zu Krämpfen, Zuckungen oder Bewusstseinverlust
aktualisiert am 28.05.2014

Einen Moment lang wie weggetreten: Kurze Bewusstseinspausen – Absencen – sind manchmal das einzige Zeichen einer Epilepsie

Jupiter Images GmbH/Thinkstock LLC

Viele denken bei Epilepsie vor allem an Symptome wie Muskelzuckungen oder verkrampfte Muskeln. Solche Anzeichen sind bei einigen Anfällen tatsächlich zu beobachten. Doch epileptische Anfälle können auch ganz anders aussehen.

Manche Betroffene nesteln zum Beispiel wenige Augenblicke unmotiviert an einem Kleidungsstück oder schlucken und schmatzen. Andere haben auf einmal seltsame nicht erklärbare Geruchswahrnehmungen. Wieder andere scheinen einen Moment lang wie weggetreten. Zahlreiche Anfalls-Symptome sind also denkbar. Einen Überblick über wichtige Anfallsformen erhalten Sie weiter unten auf dieser Seite.

Üblicherweise dauert ein einzelner epileptischer Anfall nicht länger als ein bis zwei Minuten. Manche Anfälle gehen mit einer Bewusstseinseinschränkung bis hin zum Bewusstseinsverlust einher – die Betroffenen sind also kurze Zeit nicht ansprechbar, reagieren wenig, oft langsam oder nicht auf ihre Umwelt. Andere Anfälle spielen sich bei wachem oder leicht getrübtem Bewusstsein ab.

Meistens leidet ein Betroffener an einer ganz bestimmten Art von Anfall. Seine Anfälle laufen also jedes Mal ähnlich ab. Im Verlauf der Krankheit kann die Anfallsform aber auch wechseln.

Was ist eine Aura?

Manche epileptische Anfälle beginnen mit einer sogenannten Aura: Die Betroffenen bemerken dabei zum Beispiel ungewöhnliche Sinneseindrücke wie Kribbeln, Sehstörungen, leiden an Konzentrationsstörungen oder Halluzinationen. Einige spüren seltsame Empfindungen im Bauch (epigastrische Sensationen), oder sie haben das Gefühl zu schweben. Auch Schwindel oder merkwürdige Geschmacks- und Geruchseindrücke sind möglich.

Einige Betroffene erkennen an der Aura, dass ein größeres Anfallsgeschehen kurz bevorsteht. Eine Aura kann aber ebenso gut das einzige Symptom eines Anfalls sein und bleiben. Manchmal lassen die Aura-Symptome Rückschlüsse zu, in welcher Hirnregion der Anfall entsteht. Das hilft unter Umständen, der Ursache der Epilepsie auf die Spur zu kommen (siehe Kapitel Ursachen). Eine Aura ist also ein kurzer Anfall, der in einer sehr begrenzten Region des Gehirns abläuft.

Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) beschreibt verschiedene Anfallsformen und Epilepsien. Danach richtet sich unter anderem die Therapie. In die Klassifikation fließen zum einen die beobachteten Symptome ein, zum anderen auch Ergebnisse aus Untersuchungen:

  • Fokale Anfälle: Sie beginnen an einer ganz bestimmten Stelle im Gehirn, zum Beispiel im Bereich um eine "Hirnnarbe" herum, die durch einen Schlaganfall verursacht wurde. Solche Anfälle werden auch teilweise, partielle, oder herdförmige Anfälle genannt.
  • Sekundär-generalisierte Anfälle: Sie beginnen wie ein fokaler Anfall, breiten sich dann aber auf das ganze Gehirn aus.
  • Generalisierte Anfälle: Sie scheinen von Beginn an das gesamte Gehirn zu erfassen. Bei generalisierten Anfällen kommt es meistens auch zu vorübergehenden Bewusstseinsstörungen. Eine konkrete Ursache für die Epilepsie ist bei solchen Anfällen seltener auszumachen als bei fokalen Anfällen. (Mehr dazu im Kapitel Ursachen).

Diese drei Anfalls-Formen werden noch weiter aufgeschlüsselt. Ein Überblick über wichtige Untergruppen:

1. Fokale Anfälle

Was ist ein einfach-fokaler Anfall?

Ein einfach-fokaler Anfall spielt sich bei vollem Bewusstsein ab und kann ganz unterschiedliche Symptome verursachen. Er kann zum Beispiel zu Bewegungs-Auffälligkeiten führen wie Zuckungen eines Körperteils, unwillkürlichen Körperdrehungen oder Lautäußerungen. Oder es handelt sich um ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen wie Kribbeln, Blitze-Sehen, Höreindrücke, Schwindel, Geruchs- oder Geschmacksstörungen. Wieder andere mögliche Symptome sind Sprachstörungen, Halluzinationen, Angstgefühle oder der Eindruck, etwas schon einmal erlebt zu haben (Déja vu). Viele Menschen haben allerdings Dèja vu–Erlebnisse. Zu der Diagnose eines Anfalls gehört also mehr. Die Wahrnehmungsstörungen werden – wie weiter oben bereits beschrieben – auch als Aura zusammengefasst.

Was ist ein komplex-fokaler Anfall?

Dieser Anfallstyp kann wie ein einfach-fokaler Anfall beginnen. Zusätzlich trübt sich das Bewusstsein. Der Patient ist nicht mehr richtig ansprechbar. Betroffene verhalten sich während eines Anfalls unter Umständen merkwürdig: Sie können zum Beispiel schmatzen oder grimassieren, Unverständliches stammeln oder ziellos herumlaufen.

2. Generalisierte Anfälle

Was sind Absencen?

Eine Absence (früher auch Petit Mal genannt) ist eine kurze Bewusstseinspause. Die Betroffenen halten im typischen Fall ganz plötzlich in ihrer Bewegung inne, wirken einen Moment lang völlig abwesend, reagieren nicht auf Ansprache. Meistens stürzen sie aber nicht. Diese geistige Abwesenheit dauert gewöhnlich nur einige Sekunden, selten länger als eine halbe Minute. In manchen Fällen sind zusätzliche Symptome zu beobachten, beispielweise Blinzeln, kleine Mund- oder Kopfbewegungen. Anschließend machen die Personen abrupt mit den begonnenen Tätigkeiten weiter als ob nichts geschehen wäre. An den kleinen Bewusstseinsaussetzer erinnern sie sich nicht.

Diese Art von Anfall kommt vor allem bei Epilepsien im Kindes- und Jugendalter vor. Da die Anzeichen sehr vage sind, werden sie nicht immer bemerkt: Eltern halten ihr Kind womöglich nur für unkonzentriert oder verträumt, für einen "Hans Guck-in-die-Luft". Oft häufen sich Absencen bei Müdigkeit oder direkt nach dem Aufwachen.

Was sind myoklonische Anfälle?

Bei dieser Anfallsform beginnen ganz plötzlich bestimmte Muskeln oder Muskelgruppen zu zucken, zum Beispiel an Hand, Arm oder Rumpf. Das Bewusstsein bleibt erhalten. Die Anfälle dauern üblicherweise nur wenige Sekunden und enden dann ebenso abrupt wieder. Manche Betroffene bemerken auch nur, dass sie immer wieder versehentlich Sachen fallen lassen – zum Beispiel ihre Kaffeetasse.

Was sind klonische Anfälle?

Bei einem solchen Anfall ziehen sich Muskelgruppen – vor allem am Rumpf – rhythmisch zusammen. Oft stürzen die Betroffenen, können sich dabei womöglich verletzen. Die Anfälle halten bis zu mehrere Minuten an.

Was sind tonische Anfälle?

Hier kommt es zu plötzlichen Verkrampfungen der Muskulatur, ohne dass Zuckungen auftreten. Die Betroffenen verlieren das Bewusstsein, stürzen und krümmen sich zum Beispiel oder überstrecken den Kopf. Solche Anfälle dauern meist nur wenige Augenblicke. Sie können sich auch aus dem Schlaf heraus ereignen.

Was sind tonisch-klonische Anfälle?

Der sogenannte große Krampfanfall (früher: Grand Mal) ist ein generalisierter tonisch-klonischer Anfall. Er geht eventuell mit einer Aura einher (siehe oben), gefolgt von einem plötzlichen Bewusstseinsverlust. Der Betroffene kann zu Beginn des Anfalls einen Schrei ausstoßen, meist stürzt er.

Es kommt dann für etwa eine halbe Minute zu Verkrampfungen am ganzen Körper gefolgt von symmetrischen Zuckungen an Armen und Beinen sowie des Kopfes, die wiederum rund eine halbe Minute andauern können. Während des Anfallgeschehens fließt eventuell schaumiger Speichel aus dem Mund, Urin kann abgehen. Da die Atmung ins Stocken gerät, verfärbt sich die Haut als Zeichen eines Sauerstoffmangels allmählich bläulich. Es passiert, dass Betroffene sich beim Verkrampfen unwillkürlich in die Wange oder Zunge beißen (Zungenbiss).

Nach dem Anfallsgeschehen sind die Betroffenen oft benommen und schlafen eine Weile. Erwachen sie wieder, können sie zunächst verwirrt oder desorientiert sein. Sie leiden an Muskelkater. An den Anfall erinnern sie sich meist nicht.

Was sind atonische (astatische) Anfälle?

Bei dieser Anfallsform lässt plötzlich die Muskelspannung in einem Teil der Muskulatur nach. Je nachdem, welche Muskeln betroffen sind, fällt zum Beispiel auf einmal das Kinn auf die Brust, oder die Beine knicken ein. Oder der Betroffene sackt regelrecht in sich zusammen. Manche Betroffene bleiben auch kurze Zeit bewegungslos liegen und sind kurzzeitig ohne Bewusstsein.

Epileptischer Anfall – welche Komplikationen gibt es?

Je nach Art des Anfalls können sich Betroffene womöglich verletzen – durch Gegenstände in ihrer Umgebung, Stürze oder Unfälle, zum Beispiel im Straßenverkehr oder beim Sport (Schwimmen, Klettern). Starke unwillkürliche Muskelkontraktionen haben manchmal sogar Wirbelkörperbrüche oder Bissverletzungen an Zunge, Wange zur Folge.

Gefährlich: Der Status epilepticus

Als Status epilepticus bezeichnen Ärzte einen Anfall, der länger als zehn Minuten anhält – oder eine Serie von Anfällen, zwischen denen keine vollständige Erholung mehr stattfindet, und die länger als eine halbe Stunde anhält. Der Status epilepticus ist eine bedrohliche Situation, denn dabei kann das Gehirn geschädigt werden. Deshalb: In diesem Fall sofort den Notarzt verständigen! Mehr zur Erste Hilfe im entsprechenden Kapitel.



Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Thinkstock LLC
  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6
  7. 7

Mehr Informationen im Netz unter

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren  »

Mehr auf www.baby-und-familie.de:

Fieberthermometer

Fieberkrämpfe

Mehr über die Krampfanfälle bei rasch ansteigendem oder hohem Fieber »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages